Über den Fotografen Wilfried Bauer (1944 – 2005)

Im Sommer 1983 bekam der Fotograf Wilfried Bauer vom legendären Artdirektor des Stern Rolf Gillhausen den Auftrag Neapel zu fotografieren. Wilfried hatte ihm eine Handvoll schwarz-weißer Fotos gezeigt, die er bei einem Kurzbesuch gemacht hatte. Gill, wie er von allen genannt wurde, war begeistert von diesen ersten Eindrücken und schickte ihn sofort los mit der Auflage, er solle sich Zeit lassen. Gillhausen hatte ein untrügliches Auge für Qualität, er schätzte den etwas sperrigen Rheinhessen sehr, der wenig redete aber wie besessen fotografierte. Schon als Achtzehnjähriger hatte Bauer 1962 den Deutschen Jugendfotopreis gewonnen (insgesamt gewann er ihn fünf mal), dann war er Assistent beim großen Robert Häusser in Mannheim. Der riet ihm zwar ab, nach Hamburg zu gehen, aber Norbert Denkel hat ihn dann 1969 zum ZEIT-Magazin gelotst, wo Redakteur Heiko Gebhardt ihn förderte. Aber Wilfried war ein Einzelgänger und in keine Redaktionsdisziplin einzubinden, 1976 machte er sich als freier Fotograf selbstständig. Seine Reportagen erschienen nun im Magazin der FAZ, wo erst Willy Fleckhaus und dann Hans-Georg Pospischil seine Förderer waren. Später erschienen seine Fotos auch in Geo und Merian. Und natürlich im Stern, der damals noch im Geld schwamm. Gillhausen und später Wolfgang Behnken ließen ihm die Freiheit, die er brauchte: viele Wochen Zeit und hunderte von Filmrollen.

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Neapel, Eichborn Verlag 1985,

Rückseite: Neapel, Eichborn Verlag 1985,

Als Wilfried nach Neapel geschickt wurde, war ich Korrespondent in Rom und bekam den Auftrag, eine Reportage zu seinen Bildern zu schreiben. Bauer kannte ich nicht. Bevor ich zu ihm fuhr, warnte man mich, der Mann sei „sehr schwierig und sehr eigen“, wahrscheinlich wäre es gar nicht möglich, mit ihm zusammen unterwegs zu sein. Ich sollte dennoch versuchen, die Stadt mit ihm gemeinsam zu erkunden. Wenn das nicht möglich sei, falls er mich ablehne, müsste ich die Reportage eben ohne ihn schreiben. Man gab mir erst mal zwei Wochen Zeit.

Zwei Wochen! Wenn ich dem Stern heute vorschlagen würde, so lange in irgendeine Stadt zu fahren, nur um sie mal anzuschauen, nur um herauszufinden, ob ich mich mit dem Fotografen vertrüge, würde man mich wahrscheinlich für verrückt erklären. Damals aber war das möglich. Die goldenen Zeiten waren schon vorbei, immerhin hatte der Stern gerade die Hitlertagebücher veröffentlicht und die Auflage fiel. Aber die Arbeitsbedingungen für Reporter waren noch immer einzigartig.

Wir trafen uns in einer kleinen Pizzeria, redeten lang bei einer guten Flasche Aglianico und sagten uns: Probieren wir es mal miteinander. Ziellos strichen wir zu Fuß durch die Stadt, und wußten schon am Abend: Wir waren ein gutes Gespann. Wir standen früh auf und gingen gern stundenlang zu Fuß. Wir aßen gern und tranken gern guten Wein dazu. Und wir planten unsere Tage nicht, wir überließen sie meist dem Zufall. Wilfried nannte das „rumstromern“.

Wilfried Bauer und Claus Lutterbeck, Palermo 1985 Foto: privat

Mit seiner Leica und einem extremen Weitwinkelobjektiv (22  mm) zog er nun monatelang durch Neapel, am liebsten durch die schäbigen Stadtteile. Ich begleitete ihn, mit Abständen, über mehrere Wochen. Er stand morgens um vier Uhr auf, damit er nur ja das erste Licht des Tages draußen erlebte. Seine Ansprüche an ein Foto waren hoch, zufrieden war er selten. Abends war er oft grantig, weil ihm, wie er meinte, wieder nicht gelungen sei, „auch nur ein einziges gutes Bildchen zu knipsen.“ Manchmal verging eine ganze Woche, in der er, wie er glaubte, nur „Scheißbilder geknipst“ hatte. Dann wurde seine Stimmung explosiv. Besänftigen konnte ich ihn nicht. Das schafften nur Kinder, Pflanzen, Katzen und vor allem Hunde, die er liebte und die immer wieder in seinen Bildern auftauchen. Dabei riskierte er jedes Mal gebissen zu werden, denn nicht alle neapolitanischen Strassenköter fanden es lustig, dass ein großer Fremder mit Kamera sich ihnen auf wenige Zentimeter näherte. Ich spielte dann den Bodyguard. Auch am Gefängnis in Poggioreale beschützte ich ihn vor den Schlägen einer wutentbrannten Menge. Weil er immer nur durch den Sucher schaute, hatte er nicht bemerkt, dass eine Gruppe von schwarz gekleideten Frauen mit erhobenen Fäusten und schrillen Schreien auf ihn los ging. Sie hatten sich frühmorgens vor dem Gefängnistor versammelt, weil einer ihrer Angehörigen in der Nacht im Gefängnis bestialisch ermordet worden war – man hatte ihm die Leber aus dem lebendigen Leib geschnitten. Ein Camorra-Mord. Unsere Reportage erschien im April 1983 im Stern.

Neapel war der Anfang. Damals begann eine Freundschaft, die bis zu seinem gewaltsamen Tod im Dezember 2005 dauerte. Wir haben über die Jahre viel Zeit zusammen verbracht, weil der Stern uns immer wieder zusammen auf Reisen schickte. Wir fuhren manchmal stundenlange Umwege, weil er davon gehört hatte, in einer verlassenen Gegend stünde ein alter Baum. Wir berichteten unter anderem über Rom und Sizilien, Modeschauen in Mailand, über den Versuch, die Loire zu kanalisieren, über 200 Jahre französische Revolution, über Maupassant & andere französische Dichter, über Paris bei Nacht, über Burgen in Frankreich und über die Spuren der Wikinger.

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Auf Wikingerspuren in Island, 1992 – Foto:Wilfried Bauer

Das waren große Farbreportagen, für die der Stern uns viele Wochen Zeit ließ. Und dennoch hängte Wilfried oft noch eine oder zwei Wochen dran, weil er meinte, noch nicht genügend „gute Bildchen“ zu haben. Die Kosten dafür beglich er aus eigener Tasche.

Irgendwann 1984 rief der damals noch junge Eichborn-Verlag bei Wilfried an und schlug vor, aus der Neapel-Reportage ein Buch zu machen. Wilfried wollte zwar gern ein schönes Buch fertig da liegen haben, auch weil er seine Neapel-Fotos für die besten hielt, die er bis dahin gemacht hatte. Sich um das Buch kümmern aber wollte er nicht. Im Büro sitzen, telefonieren, planen, gar Konferenzen durchstehen – das war ihm (wie mir) ein Gräuel. Wilfried lebte auf, wenn er unterwegs war. Widerwillig suchte er die Negative aus, schickte sie nach Frankfurt – und das war‘s dann. Um Druck, Papier oder Layout kümmerte er sich nicht mehr. So wurde das Buch, auf das er so große Hoffnungen gesetzt hatte, eine große Enttäuschung, denn im Verlag hatte niemand Zeit und Lust, sich darum zu kümmern.

Verleger Eichborn, der behauptete, ein großer Bewunderer von Bauer zu sein, hatte den Job an einen Geschäftsführer abgetreten. Dem war das Buch wohl egal. Er ließ die Drucker drauf los drucken und kümmerte sich nicht um unsere Vorgaben. Auch die Fuldaer Verlagsanstalt, die das Buch produzierte, arbeitete miserabel. Das Papier glänzte zu stark und der Druck war so schlecht, daß man die Auflage eigentlich hätte einstampfen müssen. Aber das konnte sich Eichborn nicht leisten, er war ein armer, junger Verleger und warf damals sein erstes Fotobuch ohne jede Reklame auf den Markt. Wilfried war beim ersten Durchblättern so entsetzt, daß er sich weigerte, das Buch ein zweites Mal anzuschauen. Die vielen Grautöne der Originale waren verschwunden, übrig geblieben waren harte, scherenschnitthafte Bilder mit extremen Kontrasten. Viel Schwarz, viel Weiß, kaum Zwischentöne, kaum Grau – das Wichtigste an den Bildern fehlte.

Unser erstes gemeinsames Werk war ein Riesenreinfall – aber es war auch der Beginn einer langen Freundschaft, die bis zu seinem Tod dauerte. Wilfried hat uns oft in Rom, Paris und Berlin besucht. Die Leica war immer dabei, beim Abendessen oder wenn wir einen Trinken gingen, wenn wir mit unseren Kindern durch Versailles spazierten,

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Felix, Versailles 1989 – Foto: Wilfried Bauer

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Max, Versailles 1989 – Foto: Wilfried Bauer

beim Autofahren, Einkaufen im Supermarkt  oder wenn meine Frau Gabi im roten Schal durch Paris lief – Wilfried fotografierte immer.

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Gabi, Paris 1987 – Foto: Wilfried Bauer

Bauer war einer der ganz großen deutschen Fotografen. „Ein gutes Bildchen knipsen“ wie er es flapsig nannte – nur dafür hat er gelebt. Theoretisches Geschwafel über Fotografie war ihm zuwider. Er sagte auch nie „fotografieren“, er sagte immer nur „knipsen“, nannte sich selbst einen „Knipser“. Und wenn man ihn fragte, was ein guter Fotografen brauche, antwortete er stets: „Gute Schuhe“, er meinte damit Schuhe, mit denen man tagelang gehen konnte, ohne Blasen zu kriegen. Leider konnte er sich nicht „verkaufen“. Es war ihm zuwider, sich bei Verlagen anzubiedern oder gar im Web selbst zu preisen, so, wie man das heute eben machen muss um zu überleben. Kompromisse kamen für ihn nicht in Frage. „Bild“ hätte ihm sechsstellige Honorare anbieten können – er wäre lieber verhungert, als für das Blatt zu arbeiten. All seine Freunde, ich auch, lagen ihm jahrelang in den Ohren, er möge doch auch gut bezahlte Werbeaufträge annehmen und mit dem Geld jene Projekte finanzieren, die ihm wirklich am Herzen lagen. Andere gute Fotografen würden das auch tun um zu überleben. Für Wilfried war das undenkbar. Er hatte zahlreiche Angebote, keines nahm er an, denn er hatte nicht nur Angst, dass ihn der Kontakt mit der Kommerzwelt „versauen“ würde. Er wollte sich vor allem nichts sagen lassen von den Artdirektoren der Werbeagenturen.

Die stürmische Entwicklung der Digitalfotografie und der damit einher gehende Verfall der Preise – jeder war nun Fotograf und verramschte seine Bilder auf dem Web – machten ihn zu einem „Auslaufmodell“, wie er mir wenige Monate vor seinem Tod sagte. Seine aufwendige Arbeitsweise war aus einer anderen Zeit – er wartete tagelang, bis der richtige Lichtstrahl auf den Baum fiel, den er gerade fotografierte. Verzweifelt, weil man ihn nicht mehr druckte, verzweifelt, weil sein Werk drohte vergessen zu werden, nahm Wilfried Bauer sich am 5. Dezember 2005 das Leben. Als die Verlage ihm keine angemessenen Honorare mehr zahlten, zündete er sein Archiv an und sprang aus dem Fenster seiner Hamburger Wohnung.

 Claus Lutterbeck, Dezember 2014

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